Detmolder Holztechniker
Drei Absolventen der
Fachschule Holztechnik, Detmold hatten 1996 die Aufgabe, in einem Berufsbildungszentrum, aus Deutschland eingetroffene Holzbearbeitungsmaschinen zu installieren und eine Lehrerfortbildung sowie Maschinenkurse durchzuführen.

Von links Thomas Günther, Ralf Lüke und
"Am 07. September 1996 verließen wir Ralf Lüke, Andreas Jung und Thomas Günther, Holztechniker und Tischlermeister der Fachschule Holztechnik in Detmold nach unserer zweijährigen Ausbildung unsere Heimat Deutschland, um in Chile in einer kleinen Stadt namens Lebu ca. 800 km südlich von der Metropole Santiago entfernt in dem Liceo Politecnico B54 fünf Monate lang zu arbeiten.
Hoffnungsträger in dem Gebiet um Lebu, die zu den ärmsten Regionen Chiles gehört, ist der Holzbereich, da nach der Stagnation des Kohlebergbaues und der Fischerei große Arbeitslosigkeit vorherrscht. Schon auf der Fahrt vom Flughafen nach Lebu fiel uns auf, daß wir in einer anderen Welt gelandet waren. Wir hatten viel gehört von diesem Land, auch einige Fotos gesehen, aber die Realität erschreckte uns doch erst einmal. Nach der ersten Nacht wurden wir zum Frühstück in die Schule abgeholt und konnten uns bei der Fahrt einen ersten Eindruck von Lebu machen, einem Dorf aus bunten, zumeist einstöckigen Blech- oder Holzhäusern. Die Schule war ein recht häßlicher Bau, der Empfang jedoch war um so herzlicher.
"In Chile stirbt keiner mehr an Hunger, aber es gibt immer noch sehr große Armut und Gegensätze"
Ein Deutscher, der schon seit eineinhalb Jahren in Lebu lebt begleitete uns und berichtete von seinen Erfahrungen. "In Chile stirbt keiner mehr an Hunger aber es gibt immer noch sehr große Armut und Gegensätze", erzählte er und wir sahen Geschäfte mit Kleidung deren Preise uns für den Mindestlohn von ca. 270 DM unerschwinglich erschienen. Er erzählte, daß ein Großteil der Jugendlichen nach dem Abschluß der Schule Lebu verläßt, da es in der Region keine Möglichkeit zur weiteren Bildung oder Arbeit gibt. Die Jugendlichen mit denen wir sprachen, sagten uns, daß sie nach ihrem Schulabschluß in die Metropole Santiago oder zumindest in die nächst größere Stadt Conception gehen würden, um dort Arbeit zu suchen. In Lebu gibt es keine.


Glanzstück der Werkstattist eine von der Fa. Altendorf großzügig gespendete, "nagelneue" Formatkreissäge im Vordergrund beim Besuch der Delegation des FFB.
In der Holzwerkstatt befanden sich bereits die aus Deutschland eingetroffenen Maschinen, sie mußten nur noch auf die geeigneten Plätze transportiert und dort installiert werden. Der größte "Brocken" war dabei eine Schleifmaschine mit zwei Schleifbändern der Firma Hesemann. Des weiteren jeweils eine gebrauchte Langlochbohrmaschine, Ständerbohrmaschine, Abrichter, Tischfräse, Ablängsäge, Kantenschleifmaschine und zwei mobile Absaugungen. Für 20 Schüler neues Handwerkzeug und einige kleine Elektrowerkzeuge sowie Werkzeug für die Tischfräse. Das Glanzstück der Werkstatt ist eine "nagelneue" Formatkreissäge der
Firma Altendorf mit 2,80m Tisch und Zubehör die uns von der Firma mit Sitz in Minden als Spende kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Neben den Maschinen hatten wir Ausbildungsunterlagen mit nach Chile gebracht, um bei der geplanten Ausbildung viel Anschauungsmaterial zu haben. Zusammen mit dem zuständigen Lehrer, der es gar nicht erwarten konnte mit den neuen Maschinen zu arbeiten, versuchten wir Konzepte zu entwickeln, um die Ausbildung der Schüler so sinnvoll und effektiv wie möglich zu machen. Anlehnung nahmen wir dabei an dem bewährten deutschen dualen Ausbildungssystem. Aus Ausbildungsplänen stellten wir Konzepte für die einzelnen Jahrgänge zusammen, wobei die Grundausbildung in den Handfertigkeiten beibehalten wurde, weil sie uns als vergleichbar zur deutschen erschien. Erst ab dem zweiten Jahr vervollständigten wir das chilenische Ausbildungskonzept mit Projektstücken und einfachen Möbeln, die den Umgang mit den neuen Maschinen üben und in gewisser Weise schon produktionsorientiert ausgerichtet sein sollten, um in der Zukunft mit den erstellten Möbeln weitere Ausbildung zu finanzieren, was für die mit geringen finanziellen Mitteln ausgestattete Schule ein sehr wichtiger Punkt ist.
Probleme stellten sich in der fehlenden Ausbildung im Erstellen und Lesen technischer Zeichnungen heraus, die jedoch nach Gesprächen mit dem Zeichenlehrer zumindest teilweise gelöst werden konnten. Es sollte nun schon ab dem ersten Jahr eine Ausbildung im technischen Zeichnen besonders von Möbeln geben, die eng an die praktischen Arbeiten in der Werkstatt angelehnt ist.
Um mit den örtlichen Betrieben zusammenzuarbeiten und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Schüler aufzutun, besuchten wir einige der ansässigen Tischlerwerkstätten, informierten uns über Löhne, Produktpreise und Möglichkeiten der Holzbeschaffung. Ein Problem sahen die Tischler in dem fehlenden Absatzmarkt der Produkte, doch wir glauben, daß bei qualitativ hochwertigen Möbeln in Zukunft der Markt in ganz Chile sein kann.
Chilenen waren von der hohen Qualität, Schnelligkeit und Präzision der ausgeführten Arbeiten begeistert.
Nach all dieser Vorarbeit machten wir uns an die praktische Arbeit. Zusammen mit den Lehrern stellten wir Schlafraummöbel, bestehend aus Bett, Nachtschränken und Wäscheschrank sowie Büromöbel, Holzböcke und Arbeitsproben für die Schule her. Die Chilenen waren von der hohen Qualität, Schnelligkeit und Präzision der ausgeführten Arbeiten begeistert und freuten sich, daß es möglich war, solch gute Möbel in ihrer Werkstatt zu fertigen.
Begeistern konnten uns die Kinderund Jugendlichen, die uns Lieder sangen, und uns durch ihre fröhliche und anhängliche Art beeindruckten.

Während einer Reise in den Süden Chiles, nach Puerto Montt lernten wir ein anderes Hilfsprojekt in Chile kennen. In einer Kindertagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen und einem Projekt zur Betreuung von bereits straffällig gewordenen jugendlichen Straßenkindern sprachen wir mit der Leiterin und waren erschreckt über die Probleme und Armut dieser Kinder. Begeistern konnten uns die Kinder, die uns Lieder sangen, und uns durch ihre fröhliche und anhängliche Art beeindruckten. Wir nahmen mit ihnen die Mahlzeiten ein, spielten mit ihnen und lernten ihren Tagesablauf und das Schicksal einiger kennen. Die Leiterin informierte uns von dem Vorhaben, Kinderbänke und -tische bauen zu lassen und bat uns, ein Angebot zu schicken. Wir machten Zeichnungen, entwarfen mögliche Möbel und einigten uns auf ein Modell.
In Lebu kalkulierten wir den Preis für die Möbel und bezogen die Lehrer in die Planung mit ein, um sie auch in diesem sehr wichtigen Gebiet zu unterrichten. Die Möbel bestehen aus einer soliden Stollenkonstruktion. Die Sitz- und Arbeitsflächen bestehen aus beschichteter Spanplatte mit breiten Anleimern, die mit einem großen Radius kinderfreundlich abgerundet sind. Nach der Fertigstellung von zwanzig Bänken und zehn Tischen transportierten wir die zerlegbaren Möbel nach Puerto Montt und bauten sie dort zusammen. Mit dem Erlös für die Möbel konnte das Liceo Politecnico seinen Haushalt für das beginnende Schuljahr verdoppeln.
Viel konnten wir von den Chilenen, ihrer Art zu leben, Probleme zu lösen und ihrem menschlichen Umgang, ihrer Herzlich- und Freundlichkeit uns gegenüber lernen.
Wir sind der Überzeugung, daß unser Aufenthalt in Lebu sehr sinnvoll und für die chilenischen Lehrer hilfreich war. Doch mindestens genauso viel konnten wir von den Chilenen, ihrer Art zu leben, Probleme zu lösen und ihrem menschlichen Umgang, ihrer Herzlich- und Freundlichkeit uns gegenüber lernen und am 3. März mit nach Deutschland zurücknehmen. Bereut haben und werden wir unseren halbjährigen Aufenthalt nie, und eines steht fest, auch unser Leben hier in Deutschland sehen wir jetzt doch sehr oft mit anderen Augen und wir suchen schon wieder nach neuen Möglichkeiten dieses faszinierende Land erneut zu besuchen."
Zur Freude der betreuenden Lehrer haben alle drei Techniker inzwischen einen Arbeitsplatz gefunden, so daß von Nachteilen aufgrund der "Unterbrechung" ihres Lebenslaufes nicht gesprochen werden kann. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein.